(27.07.2023)

Bei der 42. Mitgliederversammlung des LBS – Landesverband Bayerischer Spediteure e.V. in Bad Kissingen standen auch diesmal Fachthemen und -diskussion im Mittelpunkt. Andrea Nahles und Markus Ferber liefern beim Branchentreff wertvolle Impulse bei ihren Vorträgen.

Rund 150 Führungskräfte und Unternehmer:innen aus der bayerischen Speditions- und Logistikbranche haben sich im unterfränkischen Bad Kissingen zur 42. Mitgliederversammlung des LBS – Landesverband Bayerischer Spediteure e.V. getroffen. Neben der Wahl des Präsidiums (siehe separate Pressemitteilung vom 20.07.2023) und einem intensiven Erfahrungs- und Meinungsaustausch zur aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung galt die Aufmerksamkeit insbesondere zwei Gastvorträgen: Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, analysierte Gegenwart und Optionen beim Gewinnen von Fach- und Nachwuchskräften, und Markus Ferber MdEP, lieferte umfassende Einblicke in die europäische Verkehrspolitik.

Nahles: Eltern wichtigste „Influencer“ bei Berufswahl

Nahles ermutigte die Anwesenden, neue und unkonventionelle Wege zu beschreiten, wenn es darum geht, junge Menschen für eine Ausbildung in den typischen Branchenberufen zu begeistern. Dies scheitere aus ihrer Sicht noch zu häufig an falschen Vorstellungen und Vorurteilen. Dabei komme den Eltern als wichtigsten Influencern während der Berufsorientierung die wichtigste Rolle zu. Sie zu erreichen und mit aktuellen Informationen zu überzeugen, sei daher eine wichtige Aufgabe für Unternehmen. Sie verwies auf ein Projekt der BA, die bei einem „digitalen Elternabend“ mehreren tausend Eltern einen Blick hinter die Kulissen von Ausbildungsbetrieben gewährt hatte. Das Resultat sei so überzeugend gewesen, dass sie die Zuhörerinnen und Zuhörer einlud, ein vergleichbares Event auch für die bayerische Logistik- und Speditionsbranche aufzusetzen. Ein Vorschlag, der im Präsidium auf positives Echo stieß.

Mehr Attraktivität für Zuwanderung schaffen

Zuvor hatte sie grundsätzlich begrüßt, dass inzwischen ein echtes Bewusstsein für das Thema Fachkräftemangel entstanden sei: „Das ist auf der Landes- und Bundesebene angekommen.“ Es handele sich nicht um einen schicksalhaften Zustand, dem man wehrlos gegenüberstehe. Abhilfe sei zu gleichen Teilen aus inländischem Potenzial zu schaffen, wie es auch Zuwanderung brauche, „sonst wird es nicht klappen“. Zu den Stellhebeln, die von Politik, Wirtschaft und der Agentur für Arbeit gemeinsam zu bewegen seien, gehöre es, den Aufenthalt in Deutschland so attraktiv zu machen, dass eine Wiederabwanderung keine Option darstellt. Gründe für die Abkehr von Deutschland seien Schwierigkeiten beim Aufenthaltsrecht, häufig eine Beschäftigung unterhalb der vorhandenen Qualifikation und Hürden, Angehörige nachzuholen. „Wer auf Dauer bleiben möchte, will hier eine Heimat finden, nicht nur einen Arbeitsplatz.“

Anerkennung ausländischer Qualifikationen

Das neue Fachkräfte-Einwanderungsgesetz sorge zwar für Verbesserung in wichtigen Details, reiche aber nicht aus, um die komplexe Herausforderung zu meistern: „Die Einwanderung nach Deutschland ist kein Flussdiagramm, sondern ein Hindernisparcours.“ Ähnlich verhalte es sich bei der Anerkennung beruflicher Qualifikationen aus dem Ausland. Hier seien sowohl die berufsständischen Vereinigungen, als auch Gewerkschaften und Politik gefordert.  Nahles machte außerdem darauf aufmerksam, dass es noch immer hohe Hürden bei der Mobilisierung großer Teile des weiblichen Fachkräfte-Potenzials gebe. Allen voran sei es der Mangel an Betreuungsmöglichkeiten für Kinder oder die Unterstützung bei pflegebedürftigen Angehörigen. Alles Belastungen, bei denen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schwierig seien. Dazu komme eine Erwartungshaltung, dass Mitarbeiterinnen in der Firma präsent sein müssen. Auch das beeinträchtige das Familienleben. All das führe zu einem zu hohen Anteil an Teilzeit-Jobs bei Frauen. Lösungen ließen sich nicht per Gesetz verordnen, sondern lägen in der Kreativität einzelner Unternehmen.

Ferbers Appell an die EU in Sachen Tirol: „Jetzt klagt endlich!“

Ferber, seit vielen Jahren aktiv im Verkehrsausschuss des Europaparlaments, übte unter anderem scharfe Kritik an der Blockadehaltung Tirols beim Verkehr auf der Brennerautobahn. Sein Appell an die EU-Kommission: „Dieser Zustand ist nicht mehr von dieser Welt – jetzt klagt endlich!“ Außerdem verlangte Ferber, dass die EU ein stärkeres Augenmerk auf die Reziprozität bei Verkehrsprojekten werfen müsse. Es gehe nicht an, dass bei öffentlichen Ausschreibungen eine Vergabe an chinesische Firmen erfolge, während umgekehrt europäische Unternehmen nicht einmal zum Zuge kämen, wenn Projekte in Drittstaaten mit europäischen Geldern finanziert würden. Mehr als fragwürdig ist aus Ferbers Sicht schließlich auch die aktuell bevorstehende Maut-Verdoppelung auf deutschen Fernstraßen: „Das ist durch die europäische Wegekostenregelung nicht hinterlegt.“

„Meisterleistung“ während der Pandemie gewürdigt

Zuvor hatte Ferber die Leistungsfähigkeit der Transport- und Logistikbranche insbesondere während der Pandemie gewürdigt und deren Flexibilität und Einsatz „unter maximal erschwerten Bedingungen“ angeführt. „Sie haben hier in herausfordernden Zeiten eine Meisterleistung abgeliefert.“ Allerdings sei der Güterverkehr nicht nur in Krisen systemrelevant, er sei existenziell für das Leben in Europa. „Wenn wir unsere gemeinsamen Fähigkeiten nutzen wollen, dann müssen wir auch in der Lage sein, verschiedene Standorte effizient miteinander zu vernetzen.“ Die vier Freiheiten, zu denen der ungehinderte Warenverkehr innerhalb der EU zähle, seien Grundsäulen des Miteinander in der Europäischen Union. Sie müssten aktiv geschützt werden.

Technischer Sachverstand gefordert

Im Zusammenhang mit der europaweit angestrebten CO2-Neutralität warnte Ferber von einer zu stark ideologisch geprägten Diskussion und forderte mehr technischen Sachverstand. Unter anderem machte er darauf aufmerksam, dass an der Nischentechnologie Wasserstoff „sehr viele teilhaben wollen, unter anderem Luftfahrt, Stahl- und Chemieindustrie“. Wasserstoff werde auf längere Sicht ein Mangelprodukt sein, das einem starken globalen Wettbewerb unterliegen werde. Die aktuelle, von der EU-Kommission angestoßene Diskussion über das „Green Freight Package“ bewertet Ferber zurückhaltend vorsichtig: „Wir reden hier über Maße und Gewichte, gerade mit Blick auf E-Lkw ein kritisches Thema.“ Was den Schienenverkehr angeht, lehrten die Erfahrungen aus der Vergangenheit, „dass wir froh sein müssen, wenn die Bahn ihren Anteil am Güterverkehr halten kann“. Eine Ausweitung sei nur mit massiven Investitionen auch auf europäischer Ebene möglich.

Wahlen fürs Präsidium, Entlastung für Vereinsführung

Die Mitglieder des LBS haben in Bad Kissingen ein neues Präsidium gewählt. Aus dem Kreis der Gewählten wurden anschließend die Mitglieder des Vorstands gewählt. Dabei wurden die bisherigen Vorstandsmitglieder in ihrem Amt bestätigt. Mit den Neuwahlen setzt sich der vor zwei Jahren eingeläutete Verjüngungsprozess im Präsidium fort. Außerdem wächst der Anteil weiblicher Mitglieder.

Im Zuge der Mitgliederversammlung stand auch die obligatorische Frage nach der Entlastung von Vorstand und Geschäftsführung auf der Tagesordnung. Diese erfolgte einstimmig mit einigen wenigen Enthaltungen.

Anlässlich der Mitgliederversammlung haben sich drei langjährige Angehörige der Präsidien und Fachausschüsse aus ihren bisherigen Aufgaben im Ehrenamt verabschiedet:

  • Erich Baumgärtel
  • Roland Kuhn
  • Wolfgang Thoma

Präsident Henning R. Mack bedankte sich bei allen Gewählten und jenen, die aus dem Amt ausgeschieden sind, herzlich. In wirtschaftlichen Phasen, in denen die Führungsverantwortung im Unternehmen besonders gefordert ist und der Verantwortung im eigenen Betrieb zusätzliches Gewicht zukomme, sei ehrenamtliches Engagement umso höher wertzuschätzen und zu würdigen.

Die ausführlichen Informationen zu den Wahlen finden Sie in unserer gesonderten Pressemitteilung.

 

 pdf2307_LBS_PM_MV_27_Juli_2023

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